Befinden sich die Vereinigten Staaten in einer Rezession?

Börsenkommentar

31.07.2022

Befinden sich die Vereinigten Staaten in einer Rezession?

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© PhotoGranary – stock.adobe.com

Während der Präsident der US Federal Reserve, Jerome Powell, noch am 27. Juli attestierte, dass sich die USA nicht in einer Rezession befänden, publizierte das Bureau of Economic Analysis bereits am Folgetag einen Rückgang von 0,9% beim US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Quartalsvergleich (auf annualisierter Basis) – und dies somit zum zweiten Mal in Folge. In Europa würde man bereits von einer technischen Rezession sprechen, nicht so in den USA. Befinden sich die USA nun in einer Rezession oder nicht?

 

Natürlich handelt es sich hierbei um eine Definitionssache. Im europäischen Raum wird bereits bei Vorliegen von zwei Quartalen in Folge mit negativem Wachstum von einer technischen Rezession gesprochen. Betrachtet man hingegen die Auslegung des National Bureau of Economic Reseach (NBER), einer US-amerikanische Forschungsinstitution, so handelt es sich bei einer Rezession um einen erheblichen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit, der sich über die gesamte
Wirtschaft erstreckt und länger als ein paar Monate andauert – eine Definition, die weitaus mehr Spielraum bietet und auf drei wesentliche Kriterien baut: Intensität, Reichweite und Dauer. Diese Kriterien sehen gewichtige Stimmen der US-Politik und, wie man sieht, geldpolitische Entscheidungsträger noch nicht als erfüllt an.

 

Die Lage der Nation

Das Bild ist gemischt in den USA. Im Vergleich zu Gütern profitierte der Service- Bereich von der starken Reisetätigkeit über die Sommermonate. Besonders negativ wirkte allerdings die Veränderung von privaten Lagerbeständen bzw. Lagerinvestitionen. Hierbei ist jedoch zu unterstreichen, dass mit Nachholeffekten in zukünftigen Perioden zu rechnen ist. Immobilieninvestitionen im privaten Bereich präsentierten sich im vergangenen Quartal rückläufig. Dies ist in erster Linie dem gestiegenen Zinsniveau geschuldet. Ausgesprochen gute Exportzahlen übten positiven Einfluss aus. 

 

An den Rentenmärkten sorgte die Datenpublikation für eine spürbare Bewegung. So erhielten die rückläufigen Zinserwartungen Rückenwind. Die zweijährige US-Rendite bewegte sich von ca. 3% auf 2,85%. Die Bewegung schwappte auch auf den europäischen Raum über und das deutsche Pendant verzeichnete einen Renditerückgang. Die Aktienmärkte konnten seit dem Erreichen der lokalen Tiefstände rund um Mitte Juni 2022 tendenziell zulegen und der neuerliche Rückgang des US-amerikanischen BIPs ließ die Aktienmärkte weitgehend unbeeindruckt. Dies ist in erster Linie der voranschreitenden Earnings Season geschuldet. Rund die Hälfte US-amerikanischer Unternehmen publizierten mit Ende vergangener Woche ihre Quartalsergebnisse. Bis dato fallen Umsatz- und Gewinnentwicklung relativ gut aus, wenngleich eine Stagnation der Analystenerwartungen für die kommenden Perioden zu erkennen ist.

 

Das Marktumfeld bleibt jedenfalls schnelllebig und volatil. Es ist durchaus gerechtfertigt, sämtliche Bereiche einer Volkswirtschaft im Kontext der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zu betrachten, wie beispielhaft den US-Arbeitsmarkt, der sich weiterhin in guter Form präsentiert. Im vergangenen Quartal zeigte sich jedoch bei genauer Betrachtung der Daten eine Schwäche bei Verbraucherausgaben und Unternehmensinvestitionen. Sollte sich das negative Wachstum im nächsten Quartal erneut bestätigen, wird es bereits weitaus schwieriger den Rückgang der Wirtschaftsaktivität abermals als zwischenzeitliche Delle abzutun. Die makroökonomische Gesamtentwicklung, die aus heutiger Sicht unbestritten mit einer Abschwächung zu kämpfen hat, jedoch allem Anschein nach im aktuellen Umfeld nicht komplett Schiffbruch erleidet, verbleibt somit ein wesentlicher Treiber der Finanzmärkte und der künftigen Notenbankpolitik. Ein Soft-Landing, ein Rückgang der Wirtschaftsaktivität, ohne ein rezessives Umfeld zu erreichen, ist daher nicht ausgeschlossen. Wenngleich die Wahrscheinlichkeit dafür, vor allem nach vergangenem Donnerstag, immer geringer wird.

Entwicklung der einzelnen Komponenten 1

Risikohinweis

Diese Information ist eine allgemeine Übersicht über aktuelle Marktdaten und beinhaltet keine direkte oder indirekte Empfehlung für eine bestimmte Anlagestrategie im Sinne einer Finanzanalyse. Perfomanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine verlässlichen Rückschlüsse auf die künftige Entwicklung von Wertpapieren zu. Sofern die Basiswährung eines Investors eine andere ist als USD, hängt die Wertentwicklung auch von der Entwicklung des betreffenden Wechselkurses ab.

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